Auto:

60 Km nördlich von Berlin           ca. 1h Fahrtzeit

Bahn:

Bahnhof Zehdenick (Mark)

RB 28794

Boot:

Obere Havel

bei Wasserkilometer 19,5

Fahrrad:

direkt am Radweg:

Berlin-Koppenhagen

Havelradweg

Pädagogische Grundlagen

1. Vielfalt des Lebendigen

 

Die Natur bietet eine unermessliche Vielfalt an Formen, Farben, Lebensweisen. Die Wahrnehmung dieser Vielfalt schließt auf für die Grunderfahrung, dass andere (Kollegen, Nachbarn,Ausländer, politische Gegner) anders sind und dass dies ein völlig natürlicher Zustand, ja sogar nötig und positiv ist. Die Vielfalt der Natur ist nicht ein Nebeneinander, sondern wahrnehmbar ein äußerst produktives, schönes, organisches Miteinander. Vielfalt in der Konsumwelt hingegen bedeutet Gegeneinander ( Konkurrenz) oder zumindest beziehungsloses Nebeneinander. Vielfalt in der Natur bedeutet auch, dass es keine „Uniformiertheit“ gibt. Es gibt nicht „das perfekte Eichenblatt“ oder „das perfekte Rotkehlchen“.Überall prägt sich individuelle Form aus und überall wirken die äußeren Kräfte anders ein, so dass ideale Formen nur als Zeichnungen in Lehrbüchern auftreten. In der Übertragung heißt das: „Den perfekten Menschen“ gibt es nicht, sondern lebendige Vielfalt.

 

 

2.Zuhören und genau hinsehen lernen

 

Ob es um die Muster der Blattnerven, ein Nektar saugendes Insekt, eine Baumrinde oder den Gesang eines Vogels geht - Kinder wie Erwachsene lassen sich gerne in den Bann ziehen. Dabei lernen Wir Unterschiede kennen, Verwandtschaften erkennen. Eiche oder Buche? Tanne oder Fichte? Buch- oder Bergfink? Die Natur gewöhnt es einem ab, vorschnelle Urteile zu fällen. Die Warenwelt der Konsumgesellschaft und die Technisierung verlangen nach einer einfachen, sofort erkennbaren Signalwirkung. Die Natur lehrt hinschauen, hinhören, zuhören. Auch scheinbar Bekanntes ist immer wieder überraschend. Niemals gibt es zwei gleiche Buchen, Meisen, nicht einmal die Blätter eines Baumes gleichen sich in allem.

 

 

3. Sinneserfahrung

 

Für eine gesunde seelische und körperliche Entwicklung brauchen Menschen vielfältige Sinneserfahrungen. Und für das Aufrechterhalten der seelischen und körperlichen Gesundheit ebenso. Fehlende Sinnesreize lassen bestimmte Wahrnehmungsfähigkeiten verkümmern. Wer nimmt im Grau Der Hochhaussiedlungen und Fabriken noch die Farbigkeit des Lebendigen wahr? Wer erhält sich bei ihn umgebenden hochglanzpolierten Oberflächen die Fähigkeit, sich an etwas herantasten zu können? Wer hört im Großstadtlärm noch das Gras wachsen? Wer, der im Gestank einer Stadt lebt, kann noch einen Sinn für „Atmosphäre“ bewahren? Unser Leben leidet nicht an absoluter Reizarmut sondern an Überschüttung mit künstlichen Reizen (von Leuchtreklamen, Musikberieselung über Fernseher bis hin zu all den „Kaufanreizen“) bei gleichzeitiger Verarmung an natürlichen Reizen. Die natürlichen Reize waren jahrhunderttausendelang die Lebensumgebung des Menschen, und die um millionenfaches stärkeren Reize der Industriekultur setzen die Seele einem ungeheuren Dauerstress aus.

 

 

4. Wahrnehmung für lebendige Prozesse

 

Viele innerseelischen und zwischenmenschlichen Prozesse verlaufen analog zu Vorgängen in der Natur. Einige Beispiele aus der Sprache mögen das verdeutlichen: Aufblühen, Wachstum, Reifen, Aufbrausen, Entladen, Gewitter, Fließen... Die Wahrnehmung von Naturprozessen kann dabei helfen, sich über Vorgänge in der eigenen Seele bewusst zu werden und sie zu verarbeiten. Die

Industriekultur bietet dagegen nur mechanistische, eindimensionale „Abläufe“. Darin kann keine

Wahrnehmungsfähigkeit für vielschichtige, mehrdimensionale organische und lebendige Prozesse, wie sie in unserer Seele und in der Natur vorkommen, wachsen. Die Wahrnehmung für die Seele kommt nicht mehr über funktionale, monokausale, lineare, maschinenhafte Vorgänge hinaus. Als Beispiel möge der Vergleich der Aggression mit dem Dampfkochtopf dienen, der ein „Ventil“ braucht, um nicht zu platzen.

 

 

5. Natur als Spiegel der Seele

 

Die Natur bietet daher einen idealen Projektionsschirm für seelische Inhalte und Prozesse. Dies gilt auf der kollektiven Ebene wie auf der individuellen. So ist der Wald in den Märchen ein Symbol für das kollektive Unbewusste, die Vögel, Wölfe, Füchse, der Baum – sie alle finden eine tiefenpsychologische Deutung. In der Begegnung mit der Natur können aber auch individuelle Prozesse oder innerseelische Konflikte einen Spiegel finden, der zur Bewusstwerdung und Verarbeitung hilft. Wer sich etwa darüber ärgert, dass die wunderschönen und vom Strauch so mühevoll erzeugten Beeren des Schneeballs nicht von den Tieren genommen werden, kann darüber erspüren, dass er sich mit seinen Qualitäten nicht wahrgenommen und angenommen fühlt. Wer um eine Blüte zittert, die sich schon sehr früh aus ihrer Knospe gewagt hat und der Frostgefahr im März ausgesetzt, hat vielleicht gerade selbst Angst davor, dass er, wenn er aufblüht, wenn er sich zeigt, vom „rauhen Leben“ zu arg gebeutelt werden könnte. Wer sich darüber entsetzt, wie ein Schmetterling zum Flug über das Mittelmeer ansetzt (was für manche Schmetterlinge eben üblich ist), fühlt sich vielleicht der „Fülle des Seins“ schutzlos ausgeliefert oder erlebt sich mit überfordernden Aufgaben konfrontiert.

 

 

6. Seinserfahrung

 

Auf der einen Seite hat sich die Industriezivilisation von den Unberechenbarkeiten und der Unerbittlichkeit der Natur befreit. Dies bringt anderseits auch mit sich, das früher alltägliche, existentielle Erfahrungen verlorengegangen sind. Welche Gefahren sind heute sinnlich noch wahrnehmbar? Wer muss für sein Überleben etwas direkt erarbeiten, wie etwa Nahrungsmittel für

den Winter einlagern, für Winterbrand sorgen? Wer ist noch auf Leben und Tod aufeinander angewiesen? Aber wer erlebt auch noch intensive Freude, Spiel, Feste, authentische Religiosität?

Allenfalls in Form hohler Rituale oder kommerzialisierter Zerrbilder haben solche Erfahrungen

überlebt. Menschen suchen nach existentiellen Erfahrungen, vor allem Jugendliche machen das

deutlich. Statt diese Erfahrungen aber in Motorradabenteuern, Rowdytum, Hahnenkämpfen am

Arbeitsplatz, Extremsportarten, Spielhöllen und im Okkultismus zu suchen, bietet sich die Natur

als das „natürliche“ Spielfeld dafür an. Die Erlebnispädagogik hat sich damit beschäftigt. Dabei muss es nicht immer die Überquerung des Nordpols mit einem Stück Stacheldraht und sonst nichts in der Tasche sein. Allein schon das Erlebnis ausgelassenen Spielens, die Möglichkeit kreativer Entfaltung, das Erfahren des eigenen Körpers in nicht unbedingt extremen Grenzsituationen (Anstrengung, Wind und Wetter...)wird in der Industriekultur vermieden. Dabei ist all das so wichtig für eine ganzheitliche Erfahrung des Menschseins. Die Natur bietet ein großes Feld für echte Seinserfahrungen.

 

 

7. Leben und Tod

 

Besonders deutlich wird das oben angesprochene Problemfeld bei unserem Umgang mit Leben und Tod. In nicht „zu Tode“ gepflegter Natur ist die Endlichkeit des Individuums allgegenwärtig. Damit kann auch die Unausweichlichkeit des eigenen Todes bewusst werden. Das Gewahrsein der eigenen Endlichkeit bedeutet zweierlei: es relativiert die Wichtigkeit der eigenen Existenz für alles Dasein. Und es fragt danach, ob im eigenen Leben wohl die richtigen Prioritäten gesetzt sind. Die Industriekultur vermeidet das Gewahrsein des Todes, wo es nur geht. Sie hat ein Interesse daran, dass die Menschen sich keine Fragen über ihr Leben stellen. Sie spiegelt die Illusion unendlichen Spaßes, unendlichen Genusses, unbegrenzter Möglichkeiten vor. Die Frage „Was ist mir wirklich wichtig im Leben?“ wird damit zugedeckt.

 

 

8.Wahrnehmung von Zeit als Lebenszeit

 

Zeit hat in der Natur nicht nur eine Quantität, sondern vor allem eine Qualität. Das Jahr besteht

nicht aus 365 aufeinander folgenden, genau gleich langen Tagen, wie der Kalender. Es gibt die Jahreszeiten, das Wetter, verschiedene Tageszeiten mit jeweils ganz unterschiedlichen Stimmungen. Sie bringen ganz unterschiedliche Erlebnisse, Gefühle, ganz verschiedene Seiten unseres Seins zum Klingen. Die Idee der gleichförmig verlaufenden, messbaren Zeit erlaubt zwar

ein Funktionieren der Zivilisation und hat von daher ihre Berechtigung. Sie entspricht aber weder

der psychisch erlebten, noch der physikalischen Natur der Zeit. Das Erlebnis von Natur mit ihren

vielfältigen Rhythmen, Zeiten und „Unzeiten“ setzt ein gesundes Gegengewicht zu der „Schachtel-Zeit“ unserer Uhren und Terminkalender.

Zeit hat eben auch Qualität, und sie legt dem Menschen jeweils ganz Unterschiedliches nahe:

Der Morgen ist anders als der Mittag, der Abend, die Nacht. Der Winter ist eher eine Zeit für Stille, nach innen schauen, als der Sommer (deswegen das religiöse Fest der Weihnacht zur Wintersonne). Der Frühling bringt andere Gedanken, Gefühle, Aktivitäten mit sich als der Herbst.

Auch die „Lebenszeit“ in unterschiedlichen Lebensaltern hat ihre jeweils eigene Qualität und ist

kein kontinuierlicher, geradliniger, mechanischer Ablauf.

 

 

9.Geborgenheit und Sein

 

Die Erfahrung des sinnvollen Miteinanders in der Natur, die bewusste Erfahrung, selbst Teil der

Natur zu sein, von ihr hervorgebracht und getragen, kann das Erlebnis eines sinnvollen Lebens vermitteln. Wir sind nicht als „Fremde“ in die Welt geworfen und müssen im Lebenskampf bestehen, sondern sind – indem wir sind und von der Natur Luft, Wasser, Nahrung und mehr bekommen – angenommen. Wir müssen uns unser Dasein nicht erst „verdienen“ (durch gute Taten, Geld, Anerkennung usw.). Das kann Basis werden für ein tiefes Vertrauen ins Leben und in uns selbst.

 

 

10.Schönheit und Verletzlichkeit

 

Ästhetische Erfahrung ist eine Seinsebene des Menschen. Sie ist nicht nur „kulturelles“, sondern

auch seelisches Bedürfnis. Die Industriezivilisation kann kaum als „ästhetisch gestaltete“ Umgebung angesprochen werden. Die Zweckarchitektur der Städte und Fabriken, die Arbeitsplätze und Straßenwüsten führen zu einer Verödung der ästhetischen Erfahrung. Die Natur bietet eine Möglichkeit, diese lebenswichtige Seite in uns wieder zu wecken – und gerade

in diesem Sinne wird von Natur ja auch viel Gebrauch gemacht: Parks, Wanderungen, „Sonntagsausflüge“, Tourismus. Allerdings führen die Verarmung der ästhetischen Wahrnehmungsfähigkeit und die Konsumhaltung selten zu einem tiefen Erlebnis, eher zu einem

flüchtigen „Mitnehmen“ des Eindrucks. Kaum einmal versinkt jemand in die Betrachtung einer

Blüte, einer Grasstaude, des Lichtmusters unter einem Baum im Sonnenschein... Aber gerade

solche Erlebnisse befriedigen das „Bedürfnis nach Schönheit“.Sie sensibilisieren auch für das

Kleine“, für die Zartheit und Verletzlichkeit des Lebendigen.

Was der fortschreitende Verlust der Natur bedeutet und wie empfindlich die Natur auf Eingriffe reagiert, ist auf diese Weise sinnlich erfahrbar.

 

 

11.Ehrfurcht vor dem Leben

 

Das Erlebnis der Schönheit und der Verletzlichkeit des Lebendigen kann ein Gefühl für den

Wert des Lebens und seiner Bedrohtheit durch den Menschen vermitteln.

Die nicht vom Menschen geschaffene Natur öffnet für die Einsicht, dass auch der Mensch nur „eine Faser im Gewebe des Lebens“, nicht aber das Gewebe selber ist. Das Leben ist größer, als

menschliches Bewusstsein heute ermessen kann. Mit all unseren technischen Errungenschaften

reichen wir bei weitem nicht an die „Fähigkeiten“ des Lebens heran.

Die Natur weist also unmittelbar auf eine Dimension hin, die in der rationalistisch-technischen

Kultur nicht mehr erfahrbar ist.

Wer die Natur in diesem Sinne als wertvoll, als wichtig, als größer als der Mensch und als verletzlich erfährt, empfindet tiefe Ehrfurcht vor dem Leben.

Die Erfahrung, wie verletzlich das Lebendige ist, hat oft etwas Erschreckendes. In der technischen

Zivilisation wird „Kaputtes“ repariert oder ausgewechselt. Diese Haltung ist so tief verankert, dass

sie oft auf die Natur übertragen wird. Aber Lebendiges ist keine Maschine, und dies muss erst

einmal erfahren werden. Auch unser persönlicher „Unverletzlichkeitsmythos“ kann aufgegeben

werden, wenn wir erfahren, dass Leben immer auch Verletzlichkeit bedeutet.

 

 

12. Liebe

 

Alle positiven Begegnungen mit der Natur sprechen eine grundlegende Seinsmöglichkeit des

Menschen an: die Liebe. Liebe zum Leben, Liebe zum Sein – als Freude über das Sein (auch über

das eigene Sein), Freude über Schönheit; Liebe als Begegnungsweise, als Verantwortung und

Engagement, Liebe als Dialog, als wirkliches Annehmen allen Lebens (auch von „Ungeziefer“,

Unkräutern“ und von Menschen, mit denen es gerade Konflikte gibt;...).

Wer die zuvor beschriebenen Erfahrungen des Geborgen- und Getragenseins in der Natur, oder

die der Schönheit und des Wertes der Natur gemacht hat, wer immer wieder als hilfreich

und wohltuend erlebt, wer die Entdeckung der „Verwandtschaft“ zwischen seiner eigenen,

inneren und der äußeren Natur gemacht hat, bei dem wird nicht nur Ehrfurcht vor dem Lebendigen geweckt. Zumindest ein Teil solcher Erlebnisse vermittelt das Gefühl von „geliebt

sein“, „angenommen sein“ und initiiert damit eine liebevolle ,zugewandte Beziehung zur Natur.

Ziel ist letztlich die Erfahrung der Einheit allen Seins, oder in Arne Naess Worten die „Identifikation mit allen lebenden Wesen“.

Menschen haben ein tiefes Bedürfnis nach Liebe – sowohl Liebe zu empfangen, als auch Liebe zu

geben. Hier liegt die größte Chance der Begegnung mit der Natur. Die Erfahrung der Liebe gibt

einem ganzen Menschenleben Sinn, Halt und Kraft.

 

Quelle : Michael Kalff „Handbuch zur Natur- und Umweltpädagogik“

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